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KiWi 914
ISBN 3-462-03643-2
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Leseproben

Endlich reich

Reich und hoch subventioniert die Deutsche Bank weiß, wie man der Steuer entkommt
von Von Hans Weiss

Während des Fluges von London auf die Kanalinsel Jersey kündigt der Pilot schönes Wetter an. Die Landung erfolgt pünktlich, aber wir werden von einem Regenschauer empfangen. Zusammen mit anderen Passagieren bewege ich mich in Richtung Ausgang. Neben der letzten Türe stehen zwei uniformierte Männer. Einer von ihnen hebt die Hand und bedeutet mir, auf die Seite zu treten: „Ich habe ein paar Fragen.“

Merkwürdig… was will er von mir? Ich bin noch nie in einem Flughafen aus der Menge herausgefischt und kontrolliert worden.

„Kann ich Ihren Pass sehen?“ Er schlägt die Seite mit dem Foto auf. „Woher kommen Sie?“
„Aus London.“
„Wie lange bleiben Sie auf Jersey?“
„Ich fliege heute Abend wieder nach London zurück. Und morgen weiter nach Wien.“
„Was tun Sie hier auf Jersey?“

Soll ich sagen, dass ich hierher gekommen bin, um etwas über die Steuertricks der Deutschen Bank zu erfahren? Soll ich sagen, dass ich hierher gekommen bin, um Mark Juste von der „Deutschen Bank Offshore“ eine erfundene Geschichte aufzutischen, damit er mir die Wahrheit erzählt?

Ich habe nicht damit gerechnet, am Flughafen bohrende Fragen gestellt zu bekommen. Deshalb habe ich mir auch keine passende Antwort zurechtgelegt. Was passiert, wenn ich lüge und dieser freundliche lächelnde Beamte ertappt mich?

Meine Antwort ist ausweichend: „Ich bleibe nur einen Tag!“
„Das haben Sie schon gesagt, aber was tun Sie hier?“

Wenn er mich festnimmt, kann er mich festhalten, vielleicht einen Tag, vielleicht mehrere. Am Flughafen in London waren mir die verschärften Sicherheitsbedingungen aufgefallen. Vor dem Betreten des letzten Wartesaales wurde die Bordkarte noch einmal kontrolliert, mit Hilfe eines Lesegeräts. Auf dem Bildschirm tauchte mein Foto auf. Es war nicht das Passfoto. Irgendwann während des Eincheckens war ich heimlich fotografiert worden. Wurde ich seit meiner Ankunft auf dem Flughafen in London heimlich überwacht?

Das Flugzeug war halb leer gewesen. Ein Dutzend Urlauber, ein Dutzend Geschäftsleute und ein paar außergewöhnlich gut aussehende, allein reisende junge Frauen, die weder zur einen noch zu der anderen Kategorie zählten. Callgirls der vornehmen Sorte?

„Die Kanalinseln (Guernsey und Jersey) haben eine 900 Jahre alte Geschichte politischer Stabilität. Es gibt keine Einkommens-, Kapital- oder Grundsteuer für nicht ansässige Personen, die hier Trusts oder Firmen errichten. Klienten kommen zu uns, weil sie ihr Vermögen bewahren, sichern oder vergrößern wollen – auf ordentliche und steuereffiziente Art und Weise.“ (Aus einer Broschüre der Deutschen Bank Offshore) – Mit ihrem Hinweis auf „eine 900 Jahre alte Geschichte politischer Stabilität“ sieht die Deutsche Bank großzügig darüber hinweg, dass es eine kleine Periode von fünf Jahren gab, in denen die Kanalinseln von Nazi-Deutschland besetzt waren.

Jersey hat heute 90.000 Einwohner, 55 Banken und eine unbekannte Zahl von Briefkastenfirmen, die in den meisten Fällen von Treuhändern verwaltet werden, um die Identität der Eigentümer geheim zu halten.


Ich hatte mir vor der Reise lange überlegt, wie ich in der Filiale der „Deutschen Bank Offshore“ auf Jersey auftreten würde. In einer E-Mail hatte ich Mister Ricketts von meinen Absichten informiert, und wir hatten einen Termin fixiert. Um elf Uhr würde mich sein Kollege Mark Juste empfangen und alles Notwendige mit mir besprechen.

Betreff: Erbschaft von 7 Millionen Euro – Beratung

Sehr geehrter Herr Ricketts,
ich brauche Rat und Hilfe in folgender Situation:

Mein Vater, der derzeit in Kassel/Deutschland lebt, hat mir mitgeteilt, dass er an Krebs erkrankt ist und demnächst sterben wird. Er ist ein reicher Mann und wird mir – ich bin das einzige Kind – sechs bis sieben Millionen Euro vererben, und zwar in Form von Aktienbesitz internationaler Konzerne, zwei Häusern, zwei Wohnungen und Bankguthaben. Innerhalb der nächsten Jahre sind außerdem hohe Einkünfte aus Patentrechten zu erwarten.

Das alles sind überraschende und verwirrende Neuigkeiten für mich. Ich wusste nicht, dass mein Vater so reich ist, denn wir hatten in den letzten Jahren nur losen Kontakt. Er ist Wissenschaftler und Geschäftsmann und hat eine Reihe von Patenten entwickelt, die ihn reich machten.

Von Beruf bin ich Autor, ich schreibe hauptsächlich literarische Werke und bin nicht sehr erfahren in Geldangelegenheiten. Ich bin 54 Jahre alt, verheiratet und habe einen sechs Jahre alten Sohn. Ich besitze einen österreichischen Pass.

Ein Freund hat mir geraten, mich an die „Offshore Gruppe“ der Deutschen Bank in Jersey zu wenden, weil ich vorhabe, meinen Wohnsitz von Wien nach London zu verlegen.

Ich möchte vermeiden, dass sich der Staat ein Stück des Vermögens in Form von Steuern schnappt, und erwarte Ihre Hilfe in dieser Sache.

Am Mittwoch kommender Woche bin ich auf Jersey und wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir einen Termin anbieten könnten, um alle Fragen zu diskutieren. Ein Zeitpunkt zwischen 11 Uhr und 15 Uhr wäre mir angenehm.

Mit freundlichen Grüßen,
Hans Weiss


Die Krebserkrankung meines Vaters, das Vermögen, die Erbschaft, die geplante Übersiedelung nach London und der Ratschlag des Freundes – all das war erfunden.

Ich hatte zuvor umfangreiche Recherchen über die Aktivitäten der Deutschen Bank auf Jersey und in anderen Steueroasen sowie über die Steuermoral der Deutschen Bank durchgeführt und beabsichtigte, mit meinem Besuch zwei Fliegen auf einen Schlag treffen. Einerseits wollte ich mir einen persönlichen Eindruck vom hermetisch abgeschirmten Steueroasen-Reich der Deutschen Bank verschaffen. Andererseits wollte ich herausfinden, was die Deutsche Bank reichen Leuten rät, um ihren Reichtum steuerschonend zu vermehren.

Weil sich Mister Ricketts mit seiner Antwort Zeit ließ, beschwerte ich mich höflich, aber bestimmt per Fax bei seinem Chef. Fünf Minuten später klingelte das Telefon. Ricketts entschuldigte sich und verwies mich an seinen Kollegen Mark Juste, der sich verlässlich mit mir in Verbindung setzen und einen Besprechungstermin für kommenden Mittwoch vereinbaren werde.

Ich hatte die Reise gebucht und mich im Geiste auf alles Mögliche vorbereitet, auch auf unerwartete Fragen. Nun aber stand ich am Flughafen von Jersey und sollte dem Beamten erklären, warum ich hergekommen war.

Ich war ganz offensichtlich kein Tourist, aber auch kein Geschäftsmann. Ich hatte vor der Abreise lange überlegt, was ich anziehen sollte, und vor dem Spiegel probehalber mehrfach meine Kleidung gewechselt. Irgendetwas hatte ich falsch gemacht, jedenfalls in den Augen des Beamten auf dem Flughafen Jersey.

„Nun“, drängt er, „was tun Sie hier?“
„Ich bin Autor!“
„Und was schreiben Sie?“
„Alles Mögliche. Soziale Themen, Medizin. Literatur. Gelegentlich einen Roman.“
„Das sind aber sehr unterschiedliche Themen“, meint er.
„Ja, sehr unterschiedliche“, bekräftige ich.
„Woran arbeiten Sie jetzt?“
„Wollen Sie das wirklich wissen? Als Autor sagt man das nicht gerne, und vor allem nicht jedem.“
„Ich möchte es trotzdem gerne wissen. Aber Sie brauchen natürlich nicht zu antworten“, droht er mit einem Lächeln.

Er hat meinen Pass, hält plötzlich einen Notizblock und einen Kugelschreiber in der Hand, und ich habe den Eindruck, jetzt hat er mich in der Hand.

„Soll ich Ihnen etwas vorlügen?“, biete ich an.
„Wenn Sie möchten“, sagt er auf seine unnachahmlich britische Art.
„Warum sollte ich?“, entgegne ich lachend.
„Ja, warum sollten Sie?“

Es ist ein nettes kleines Spiel, aber es fängt an, mich zu beunruhigen. Er wird nicht lockerlassen, bis er von mir irgendeine plausible Geschichte gehört hat. Ich muss ihm einen Brocken vorwerfen.

„Ich interessiere mich für die Steuertricks von Konzernen. Wie schaffen sie es, möglichst wenig zu bezahlen?“

Er beugt sich vor: „Geht es um lokale Steuern, hier auf Jersey?“
„Nein, überhaupt nicht. Es geht um internationale Konzerne.“
„Wie recherchieren Sie das? Wen treffen Sie hier?“
„Wer sagt, dass ich jemanden treffe?“

Er hebt seine Augenbrauen. Das genügt.

„Jemanden von der Deutschen Bank.“
„Aha! Sagen Sie mir einen Namen.“

Soll ich antworten, dass ihn das nichts angeht? Ist es klug, ihm einen Namen zu sagen? Er könnte bei Mark Juste anrufen. Hier vor mir steht ein Journalist aus Wien, der sich für die Steuertricks von Konzernen interessiert. Er sagt, er habe einen Termin bei Ihnen. Können Sie das bestätigen?

Aber was ist, wenn ich einen Namen erfinde, er ruft an, und es stellt sich heraus, dass diese Person gar nicht existiert? Das wäre peinlich. Vielleicht durchsucht er mein Gepäck und findet die E-Mail und alle anderen Unterlagen über die Deutsche Bank.

„Mark Juste“, sage ich mit gespielter Gelassenheit.

Er schreibt „Mark Gust“ auf seinen Notizblock.

„Das ist falsch“, korrigiere ich und buchstabiere die richtige Schreibweise.
Das endlich genügt ihm, und er lässt mich laufen: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Aufenthalt.“

Im Briefkastenreich von Deutsche Bank Offshore

Der Bus in die Hauptstadt St. Helier fährt durch eine idyllisch grüne Landschaft. Die Straße ist gesäumt von Steinmauern, blühenden gelben Ginsterbüschen und hier und dort einer Palme. Die gedrungenen Häuser sind aus Backsteinen gebaut oder weiß verputzt, alles wirkt ordentlich und behäbig.

Die Deutsche Bank Offshore ist in einem modernen, dreistöckigen Gebäude in der New Street untergebracht. Im Windfang hängt eine große Tafel mit Schildern von Tochterfirmen der Deutschen Bank, die hier residieren. In diesem Gebäude ist höchstens Platz für ein, zwei Dutzend Beschäftigte, aber die Firmenliste ist lang. Es sind weit über hundert Namen. Briefkastenfirmen?

Deutsche Bank International Limited, Deutsche Finance No.9 (Jersey) Limited, Deutsche Finance No.10 (Jersey) Limited, Deutsche International Corporate Services Limited, Deutsche International Trust Corporation Limited.

Hier glitzert alles und glänzt; polierter Stein, Aluminium. Hinter der Rezeption sitzt eine freundliche Dame. Während ich mich in ein Besucherbuch eintrage, verwickelt sie mich in ein Gespräch.

Dann taucht auch schon Mark Juste auf, ein energisch wirkender Mann. Er führt mich ins dritte Stockwerk zu einem Besprechungszimmer, das mit teuer wirkenden Stilmöbeln eingerichtet ist. Mark macht mich mit dem „relationship manager“ James Hodges bekannt. Mir ist ein wenig mulmig zumute. Ich sitze jetzt zwei hochrangigen Managern der Deutschen Bank gegenüber, die für Investitionen auf küstennahen Steuerparadiesen verantwortlich sind.

Mark öffnet eine Mappe, entnimmt ihr die E-Mail, die ich geschickt habe, legt ein leeres Blatt Papier auf den Tisch, zückt einen Kugelschreiber und sagt: „Sie erwähnen in Ihrem Schreiben, ein Freund habe Ihnen empfohlen, sich an uns zu wenden. Darf ich fragen, wer dieser Freund ist?“

„Es ist ein Banker der Westdeutschen Landesbank. Er hat geschäftlich mit Ihnen zu tun. Möchten Sie seinen Namen wissen?“ Vorsichtshalber hatte ich mir schon vor der Reise einen Namen herausgesucht und zurechtgelegt.

„Nein, nein, das ist nicht notwendig“, wehrt Mark höflich ab, fährt aber fort, unangenehme Fragen zu stellen: „Sie haben uns in Ihrem Schreiben ja schon informiert, worum es geht. Wir möchten gerne von Ihnen persönlich noch ein paar Hintergrundinformationen wissen. Wo hat Ihr Vater studiert? Und was? Welche Patente hat er entwickelt?“

Jetzt merke ich, dass ich mich nicht intensiv genug vorbereitet habe. Ich muss improvisieren. „Er hat in Frankfurt studiert. Pharmakologie. Er war dann lange bei Hoechst. Das ist ein deutscher Pharmakonzern, der jetzt Aventis heißt – dort war er in der Forschung tätig. Später hat er sich selbständig gemacht.“

„Was sind das für Patente, die er entwickelt hat?“

„Keine Ahnung, irgendetwas Medizinisches. Jedenfalls hat er damit viel Geld verdient. Und er verdient immer noch viel Geld damit, hat er mir gesagt. Näheres weiß ich nicht. Ich hatte bis vor kurzem kaum Kontakt mit meinem Vater. Wissen Sie, er war…“, ich zögere, gebe vor, nach dem richtigen Wort zu suchen, „… er ist ein wenig eigenartig, mein Vater. Meine Mutter hat er sehr schlecht behandelt und um mich hat er sich nie gekümmert. Jetzt rührt sich das schlechte Gewissen, und er versucht, alles wieder gutzumachen.“

Die beiden Manager nicken verständnisvoll. Ein paar Millionen als Erbschaft, einfach so, aus dem Nichts, das hätte jeder gerne.

„Hat er in Deutschland einen Finanzberater?“, fragt James Hodges.
„Keine Ahnung, aber ich nehme an, wenn jemand reich ist, hat er das wohl.“
„Was für Immobilien besitzt er?“
„Zwei Häuser in Deutschland, eine Wohnung in Kassel, eine in Frankfurt, dann gibt es noch eine in Venedig und ich glaube auch in Paris. Ich weiß es nicht genau.“

Das mit den vier Wohnungen ist mir im Eifer herausgerutscht. In der E-Mail hatte ich von zwei Wohnungen geschrieben. Aber das fällt weder Mark noch James auf. Eine Wohnung mehr oder weniger spielt bei einem solchen Vermögen keine Rolle.

„Als ersten Schritt sollten Sie sich mit Ihrem Vater zusammensetzen und herausfinden, welcher Art das Vermögen ist, welche Immobilien er wo besitzt, welche Aktien er hat, wie er sein Vermögen angelegt hat. Als zweiten Schritt sollten Sie sich mit einem Steuerspezialisten in Deutschland zusammensetzen. Erst wenn das alles geregelt ist, sollten wir gemeinsam konkrete Pläne machen.“
„Aber ich dachte, so etwas muss man im Voraus planen. Ich muss ja erst einmal wissen, welche Möglichkeiten ich habe, dieses Vermögen anzulegen.“
„Ja, das ist schon sinnvoll, dass Sie vorausplanen. Trotzdem: Sie müssen als Erstes die Sache mit der Erbschaftssteuer in Deutschland regeln. Oder in Österreich, je nachdem. Wir wollen ja alle nicht, dass dann plötzlich irgendwelche Probleme auftauchen.“
„Ich dachte, wir leben in der Europäischen Gemeinschaft, und ich kann meinen Wohnsitz beliebig verlegen! Das kann doch kein Problem sein, wenn ich von Wien nach London übersiedeln will, oder?“

(Lesen Sie weiter im Buch „Asoziale Marktwirtschaft“)
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„Neues Buch rügt: Trickreich, aber legal zahlen Konzerne zu wenig Steuern. Während die Bürger den Gürtel enger schnallen müssen, tragen große Unternehmen immer weniger zum Gemeinwohl bei.“
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