Verlag Kiepenheuer & Witsch Hans Weiss/Ernst Schmiederer Asoziale Marktwirtschaft Buch bestellen
Euro 9,90, sFr 18,10
KiWi 914
ISBN 3-462-03643-2
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Leseproben

Wie die Konzerne Steuern sparen

Firma hin, Firma her die Steuertricks des Unilever-Konzerns
von Von Hans Weiss

Ich hatte Peter vor 25 Jahren auf einer Party in London kennen gelernt. Er hatte damals eine Manager-Karriere in der Unilever-Zentrale begonnen, war voller Begeisterung und erzählte ausführlich von seinem Job. Eine Woche später traf ich mich mit ihm, und wir unternahmen eine Tour durch einige Londoner Lokale. Es war ein schöner Abend, wir verabschiedeten uns und verloren uns aus den Augen.

Als wir mit den Recherchen zu diesem Buch begannen, erinnerte ich mich an ihn. Mit Hilfe der Suchmaschine Google gelang es mir, seinen gegenwärtigen Wohnsitz ausfindig zu machen. Inzwischen gehörte er zum oberen Management von Unilever und war überraschenderweise bereit, sich mit mir zu treffen. Da er gelegentlich in Deutschland zu tun hatte, verabredeten wir uns im „Frankfurter Hof“. Ich brachte ein Foto mit, das ich während der Lokaltour in London gemacht hatte, und erzählte von diesem Buchprojekt. Er hörte interessiert zu und lachte: „Du hättest gerne, dass ich dir ein paar Firmengeheimnisse preisgebe!“

„Wie kommst du nur auf diese Idee?“

Er schüttelte den Kopf. „Warum sollte ich das tun? Nein, tut mir Leid!“

Ich sprach das Thema nicht mehr an, und es wurde ein langer, angenehmer Abend.

Beim Verabschieden zögerte er einen Moment und sagte: „Ich kann dir bei deinem Buchprojekt nicht helfen, aber ich gebe dir einen Tipp. Geh zum Handelsregister in Wien und schau dir die Unilever-Unterlagen an. Vielleicht findest du etwas, was dir weiterhilft.“

Das Wiener Handelsregister ist ein elegantes Hochhaus am östlichen Rand des Stadtzentrums, mit einer hellen, lichtdurchfluteten Vorhalle und zuvorkommenden Angestellten hinter dem offenen Informationsschalter. Jeder Besucher muss eine Sicherheitsschleuse passieren und sich durchsuchen lassen.

Die Unilever-Akte umfasst mehrere hundert Seiten und ich habe Mühe, mich zurechtzufinden. Plötzlich fällt mir auf, dass die Firma Unilever Österreich an einem einzigen Tag – am 30. September 2002 – mehrfach den Besitzer gewechselt hat.

Ein merkwürdiger Vorgang.

Warum wird ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 470 Millionen Euro und einem Gewinn von 24 Millionen Euro an einem einzigen Tag mehrere Male von einem Besitzer zum nächsten geschoben, um am Ende wieder zum ursprünglichen Besitzer zurückzukehren?

In welcher Reihenfolge die Besitzer wechseln, lässt sich aus den Unterlagen nicht nachvollziehen. Ich nehme ein Blatt Papier zur Hand und versuche Ordnung in die zahlreichen Vorgänge zu bringen. Am 30. September 2002 erscheinen folgende Firmen als Einzelbesitzer von Unilever Österreich:

• KHE Investment B.V. Rotterdam – wie ich später herausfinde, handelt es sich hier um eine holländische Tochterfirma des Unilever-Konzerns
• Unilever N.V. Rotterdam – die Muttergesellschaft des Konzerns
• Marga B.V. Rotterdam – eine weitere Tochterfirma
• Mixhold B.V. Rotterdam – ebenfalls eine Tochterfirma von Unilever

Die Sache wird aber noch komplizierter. Am selben Tag, am 30. September 2002, wird eine zweite österreichische Unilever-Tochterfirma – die Knorr Nahrungsmittelfabrik – mit Unilever Österreich verschmolzen. Und in den Monaten vor und nach diesem Datum stoße ich auf weitere auffallende Ereignisse wie Kapitalerhöhungen und Kapitalverminderungen.

Ohne Peters Hilfe komme ich nicht weiter. Ich rufe ihn an und erkläre ihm, was ich gefunden habe.

„Im Jahr 2002? An einem Tag mehrere Male den Besitzer gewechselt? Da kann ich dir nicht weiterhelfen! Tut mir leid, in dieser Sache kenne ich mich nicht aus.“

Ich will nicht aufgeben, suche erneut das Handelsregister auf und lasse mir eine Unilever-Akte heraussuchen, die im Computer als „nicht mehr aktuell“ gekennzeichnet ist.

Die Erschaffung von ADAM

Es sind mehrere tausend Seiten Papier, in denen ich blättere, ohne zu wissen, wonach ich suche. Irgendwann stoße ich auf den Firmennamen „ADAM“, fange an zu lesen, und schließlich entsteht vor meinen Augen folgende Geschichte:

Am 21. Juli des Jahres 2000 begibt sich Dr. Ernst Klicka, Vorstandsdirektor der Firma Österreichische Unilever AG, ins Büro der Notarin Dr. Hertha Schimmelpfennig in der Simmeringer Hauptstraße in Wien. Dort legt er mehrere Papiere vor. Unter anderem eine Vollmacht der holländischen Unilever-Tochterfirma Marga B.V. Rotterdam, die ihn als „Machthaber“ ausweist, und ein ähnliches Machthaber-Papier einer zweiten holländischen Unilever-Tochterfirma, der Saponia B.V. Rotterdam.

Diese Unterlagen werden von der Notarin überprüft, und dann gründet Dr. Klicka in ihrer Anwesenheit eine Aktiengesellschaft namens „ADAM“, mit Sitz in Wien. Das Kapital dafür kommt von den beiden holländischen Tochterfirmen in Form von Aktien. Wert: 70.000 Euro.

Der Zweck von ADAM: „Der Erwerb von und die Beteiligung an in- und ausländischen Unternehmen einschließlich der Verwaltung von Unternehmensanteilen“. Oder, wie es mein Unilever-Freund Peter später etwas unverblümter ausdrücken wird: „Eine schöne Möglichkeit, um Steuern zu sparen.“

Dr. Klicka bestimmt zunächst – alles muss seine gesetzliche Ordnung haben – drei Aufsichtsräte der Firma ADAM: Diplomkaufmann Erich Buxbaum – er ist Generaldirektor der Österreichischen Unilever AG – einen Wirtschaftsjuristen und eine kaufmännische Angestellte.

Diese drei Personen treffen sich am selben Tag – am 21. Juli 2000 – in den Räumen der Österreichischen Unilever GmbH in der Wienerbergerstraße und halten die erste Sitzung von ADAM ab. Sie „wählen“ nun – so heißt es im Wortlaut – den Unilever-Direktor Dr. Ernst Klicka und den Unilever-Finanzdirektor Dr. Günther Riessland zu Vorständen der Firma ADAM. „Machthaber“ Klicka wird somit auch „Vorstand“.

Die Gründung kostet 74.632 österreichische Schilling (= 5.380 Euro), und den Großteil dieser Summe streicht die Notarin ein, nämlich 65.000 öS (= 4.724 Euro). Ein unbedeutender Betrag im Verhältnis zu dem, was Unilever damit einsackt.

Weil ich neugierig bin und wissen möchte, in welcher Umgebung die milliardenschweren Geschäfte des Weltkonzerns Unilever stattfinden, fahre ich eines Abends zur Kanzlei der Notarin Schimmelpfennig. Und erlebe eine Überraschung.

Ich betrete ein altes, schäbig wirkendes Wohnhaus und nehme denselben Weg, den Dr. Klicka geht, streife meine Schuhe an zerrissenen Teppichen ab. Das Stiegenhaus ist sauber, aber ärmlich. Es gibt keinen Lift, und so gehe ich zu Fuß in den zweiten Stock zum Eingang der Notarin Dr. Hertha Schimmelpfennig.

Da sind Töpfe, aus denen riesige Pflanzen wuchern. Um zur Tür zu gelangen, muss man sich bücken. Hier also, hinter dieser unscheinbaren Tür, finden Milliardendeals statt.

(Lesen Sie weiter im Buch „Asoziale Marktwirtschaft“)
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Pressestimmen

„Wer moralische Probleme damit hat, dass sich eine Gewerkschaftbank an internationalen Heuschreckengeschäften beteiligt, dem sei versichert: Es geht noch viel schlimmer. Konzerne existieren einzig, um Gewinne zu machen, und setzen sich dafür auch gerne über anerkannte Regeln hinweg - wie zum Beispiel die Pflicht, in angemessener Form Steuern zu zahlen, um damit indirekt für ein funktionierendes Sozialsystem zu sorgen.
Asoziale Marktwirtschaft liest sich wie ein Kriminalroman, bei dem am Ende alle vorkommenden Personen und Firmen dem eigenen Rechtsempfinden nach schuldig zu sprechen wären, auch wenn sie juristisch nicht belangt werden können.
Dieses Buch lässt mich mit einem Gefühlscocktail aus Wut, Ohnmacht und Fassungslosigkeit darüber zurück, dass alle hier veröffentlichten Details offenbar wahr sind, gab es doch nach der ersten Ausgabe weder Klagsandrohungen noch sonstige Reaktionen der beschriebenen Unternehmen.
Der eigentliche Skandal liegt dabei nicht in der Ungerechtigkeit gegenüber den Steuerzahlern, die von der Finanz wegen vergleichweise Peanutsbeträgen in den Ausgleich getrieben werden, sondern in der Verhöhnung der Menschen, die den Konzernen als Kunden gut genug sind, denen ebendiese Konzerne jedoch ein Stück Kindergarten, Bücherei oder öffentlichen Verkehr unter den Füßen wegziehen, weil sie ihre Verrechnung in ein Billigsteuerland verlegen. Und gleichzeitig auch noch die Dreistigkeit besitzen, mit "Geiz ist geil" zu werben.
Nikolaus Geyrhalter, Filmemacher und Produzent (z.B. Unser täglich Brot)“
Die Presse, Wien
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