Verlag Kiepenheuer & Witsch Hans Weiss/Ernst Schmiederer Asoziale Marktwirtschaft Buch bestellen
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KiWi 914
ISBN 3-462-03643-2
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Leseproben

Warum es mit Deutschland bergab geht

Der vorsitzende Aufsichtsrat eines Weltkonzerns erzählt - warum es mit Deutschland bergab geht

Ein sympathischer Herr mit Anzug und Krawatte, lächelnd, souverän und zufrieden, ein Herr von Welt. Er ist in einem Alter, wo Erinnerungen meist wichtiger sind als Visionen. Aber dieser Eindruck täuscht.

Als Aufsichtsratsvorsitzender eines der gewinnträchtigsten Konzerne der Welt lebt er ganz und gar in der heutigen Zeit. Wichtigste Zielgruppe seiner Überlegungen: Jugendliche. Nebenbei sitzt er im Aufsichtsrat einiger anderer Konzerne und berät als Wirtschaftsanwalt Finanzierungsgesellschaften.

Es war gar nicht schwer gewesen, einen Gesprächstermin zu bekommen. Über einen Freund, dessen Freund und den Freund dieses Freundes waren wir schließlich in einem Büro in Frankfurt gelandet.

Eine feine Adresse, eine große Anwaltskanzlei. Ein Metallschild vor der Eingangstüre versammelt die Namen von 18 Anwälten. Die schwere Eisentür signalisiert: Hier wird Wichtiges geschützt. Eine große Eingangshalle. Gedämpfte Farben, nüchtern-elegante Einrichtung. Ledersessel für die Wartenden.

„Möchten Sie Kaffee, Tee, Wasser?“
„Tee, bitte.“
„Dann nehme ich auch einen Tee. Wir gehen ins Besprechungszimmer.“

Ein großer Raum, ein Tisch mit sechs Sesseln, eine Schrankwand. Die Fenster sind mit einer hellgrauen Markise abgedunkelt.

Der Freund des Freundes hatte ihn als einen Spezialisten für Steueroptimierung und Konzernstrukturierung beschrieben. In jüngeren Jahren war er im Vorstand verschiedener Konzerne gewesen, auch in den USA.

Er wirkt, als hätte er endlos Zeit für uns, als gäbe es keinen Druck. Vermittelt den Eindruck, dass er nur noch große wirtschaftliche Entscheidungen trifft. Einige nebenbei fallende Sätze deuten an, dass er mit den wirtschaftlich Mächtigen auf Du und Du ist.

Von diesem Gespräch erwarten wir uns keine großen Enthüllungen, aber einen kleinen Einblick in eine hermetisch abgeschirmte Welt, zu der nur wenige Menschen Zugang haben. Wir hatten in allgemeinen Sätzen von dem Buchprojekt erzählt und darauf geachtet, nicht zu viel preiszugeben. Ein Buch über Konzerne in Europa.

„Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht allzu viel erzählen.“

Oh, wenn er wollte, könnte er schon, da sind wir uns sicher. Ganze Bücher könnte man wahrscheinlich mit seinem Insiderwissen füllen. Aber warum sollte er?

Er habe Freude an seiner Arbeit, erklärt er, noch bevor eine Frage gestellt wird. Gestalten, wirklich gestalten, Einfluss nehmen, das interessiere ihn.

„Steuern gestalten?“, haken wir nach.

Er lacht, geht nicht darauf ein.

Unser Gespräch beginnt als vorsichtiges Abtasten. Wir lassen das Wort Konzerne fallen. Das gefällt ihm gar nicht. „Es hat so einen negativen Klang bekommen“, sagt er, „Unternehmen ist besser.“

Von sich aus kommt er auf den Chef von DaimlerChrysler zu sprechen. „Wenn Sie mich fragen: Herr Schrempp sollte gehen. Was der angerichtet hat im Unternehmen!“ Er schüttelt den Kopf. „Aber wenn Schrempp geht, sollte Kopper auch gehen müssen.“

Hilmar Kopper ist Aufsichtsratsvorsitzender von DaimlerChrysler, also derjenige, der Schrempps Aktivitäten kontrollieren soll.

„Kopper war ja mitverantwortlich für den Unsinn, ein Unternehmen wie Chrysler und dann auch noch Mitsubishi dazuzukaufen. Warum haben die das gemacht? Größenwahn! Der deutsche Größenwahn. Die wollten endlich wer sein in der Welt, endlich mitreden mit den wirklich Großen. Und was ist daraus geworden? Eine erbärmliche Vorstellung, ein Desaster. Schauen Sie sich den Aktienkurs an! Früher, ohne Chrysler und Mitsubishi, war Daimler ein gesundes Unternehmen. Topfit. Und jetzt? Die hätten sich am japanischen Autokonzern Toyota ein Beispiel nehmen müssen, Toyota ist heute da, wo Daimler einmal war, bevor es Schrempp gab.“

Er ärgert sich über die Stimmung in Deutschland. „Nach dem Krieg, da war alles kaputt, da haben die Leute die Ärmel aufgekrempelt und geschuftet und alles aus dem Boden gestampft. Und heute…“

Er schweigt viel sagend und fährt nachdenklich fort: „Dabei sind jetzt die Ausgangsbedingungen ungleich viel besser als damals. Andererseits: Heute ist alles geregelt. Der Staat kontrolliert alles und hat alles im Griff. Mindestens 50 Prozent des Bruttonationalproduktes wird in irgendeiner Form vom Staat kontrolliert – wenn man die Sparkassen und die Raiffeisenkassen dazurechnet, bei denen der Staat ja auch die Hand drin hat. Dieser ausufernde Staat erwürgt alles.“

Die Sekretärin tritt ein, fragt, ob wir etwas brauchen.

Nach der kurzen Unterbrechung führt er seine Überlegungen fort: „Es wird noch viel schlimmer kommen. Die Länder in Osteuropa, die jetzt zur EU dazukommen, die sind besessen davon, anzupacken, zu arbeiten. Die lehnen sich nicht zurück wie die Deutschen. Außerdem sind dort die Lohnkosten viel niedriger.“

Deutschland, ein Land im Niedergang?

„Ja. Wenn sich nichts ändert, dann gute Nacht, Deutschland! Es gibt ja kaum mehr große ausländische Unternehmen, die sich in Deutschland niederlassen. Welcher Unternehmer hat ein Interesse daran, dass ihm in alle Entscheidungen hineingeredet wird? Die Mitbestimmung ist als große Errungenschaft gefeiert worden. War es vielleicht auch, eine Zeit lang, aber jetzt… Welche Rolle die Gewerkschaften spielen, sieht man im Mannesmann-Prozess. Die haben keine Ahnung, und entweder unterschreiben sie sowieso alles oder enthalten sich der Stimme oder sie stimmen sowieso dagegen, weil sie das in Vertretung ihrer Kollegen tun müssen. Außerdem bringt das der Gewerkschaft Geld. Die müssen 80 Prozent von dem, was sie als Aufsichtsrat kriegen, an die Gewerkschaft abliefern.“

Er versucht uns den Unterschied zwischen einem börsennotierten Unternehmen und einem Familienunternehmen zu erklären und scheint ein Freund der Letzteren zu sein. Ein Familienunternehmen wie etwa Tchibo oder der Springer-Verlag, meint er, habe ganz andere Ziele als ein börsennotiertes und agiere viel vorsichtiger und langfristiger.

Er erläutert das folgendermaßen: „Für börsennotierte Unternehmen ist es wichtig, nach außen hin ein gutes Bild abzugeben, da werden die Bilanzen dann entsprechend frisiert. Die verantwortlichen Manager haben oft nur ihre eigenen finanziellen Interessen im Kopf, das Unternehmen als solches ist ihnen egal. Das sind häufig vaterlandslose Gesellen.“

Weil auf den Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen täglich über den Versuch des französischen Pharmakonzerns Sanofi berichtet wird, den deutsch-französischen Konzern Aventis zu schlucken, fragen wir, was er davon hält.

„Gar nichts“, ist seine knappe Antwort: „Das ist nur ein Spiel, bei dem es mehrere Spieler gibt. Denen geht es überhaupt nicht um das Unternehmen, um Sanofi oder Aventis. Es gibt ein paar Leute, die an solchen Zusammenschlüssen rasend viel Geld verdienen werden. Das ist krank! Die verdienen allein schon durch das Spiel, auch wenn am Ende vielleicht gar kein Zusammenschluss zustande kommt. Meistens sind es Investmentbanker, die solche Pläne aushecken. Die halten Ausschau nach gesunden Unternehmen und überlegen sich: Wie könnten wir an so einem Deal verdienen? Diese Kerle sollten Sie einmal unter die Lupe nehmen. Das sind Wirtschaftsschädlinge. Denen ist es vollkommen egal, wenn ein gesundes Unternehmen zerschlagen wird.“

„Denken Sie da an Mannesmann?“

Aus seinem Mund quält sich ein verächtliches „Ach!“.

(Lesen Sie weiter im Buch „Asoziale Marktwirtschaft“)
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Pressestimmen

„Die Autoren nehmen die Steuerpraxis nationaler und internationaler Großkonzerne unter die Lupe. Die Konzerne zahlen keine oder kaum Steuern, können im Gegenteil hohe Subventionen einstreichen und schreiben Gewinne, wenn auch nicht offiziell. Was das Buch interessant macht, sind die Details der Steuerpraxis. Unterhaltsam sind die ausführlichen Beispiel zur ehemaligen Steueroase Norderfriedrichskoog und zur Praxis der Pharmakonzerne.“
konkret, Bea Dorn
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